Die Vielfalt der Geistesgaben: Wie viele gibt es und wie viele können wir empfangen?
Teil 3 unserer Blogreihe über das Verständnis geistlicher Gaben.
Hast du dich schon einmal gefragt, wie viele geistliche Gaben es eigentlich gibt? Oder ob es möglich ist, mehr als nur eine Gabe zu empfangen? Diese Fragen mögen zunächst einfach erscheinen – man müsste doch nur die biblischen Listen durchzählen und fertig. Doch wie Sam Storms in seinem Werk "Understanding Spiritual Gifts" zeigt, ist die Antwort vielschichtiger und für unser Gemeinde- und Kleingruppen von größerer Bedeutung als wir vielleicht denken.
Eine überraschende Vielfalt
Wenn wir alle Gabenlisten im Neuen Testament zusammentragen, kommen wir auf mindestens 21 unterschiedliche geistliche Gaben. Das ist schon eine beeindruckende Zahl! Diese Gaben finden wir in verschiedenen Schriftstellen verteilt:
Römer 12,6-8
Prophetie
Dienst (oder praktischer Dienst)
Lehre
Ermahnung/Ermutigung
Geben
Leitung
Barmherzigkeit
1. Korinther 12,8-10
Wort der Weisheit
Wort der Erkenntnis
Glaube
Gaben der Heilungen
Wunderwirkungen
Unterscheidung der Geister
verschiedene Arten von Sprachen (Zungenrede)
Auslegung der Sprachen
1. Korinther 12,28-30
Apostel
Helfen
Leiten/Verwalten
Epheser 4,11
Evangelisation
Hirtenamt
1. Petrus 4,10-11
In diesem Text teilt Petrus alle Gaben in zwei Hauptkategorien ein: Reden und Dienen – eine hilfreiche Struktur, auch wenn sie nicht streng durchgehalten werden kann, da manche Gaben beide Aspekte enthalten.
Diese Auflistung wirft eine spannende Frage auf: Sind das wirklich alle geistlichen Gaben, oder könnte es noch mehr geben, die in der Bibel nicht explizit genannt werden?
Könnte es mehr Gaben geben?
Sam Storms wagt hier einen interessanten Gedanken: Möglicherweise gibt es tatsächlich weitere Gaben, die der Heilige Geist entsprechend seinem Willen (1. Korinther 12,11) verteilt, die aber in den neutestamentlichen Listen nicht explizit erwähnt werden.
Er nennt drei mögliche Beispiele:
Fürbitte – Während alle Christen beten sollen, erleben wir doch Menschen, die eine außergewöhnliche Hingabe, Ausdauer und Wirksamkeit im Gebet zeigen.
Befreiungsdienst – Zwar hat jeder Gläubige in Christus Autorität über dämonische Mächte, doch manche scheinen in diesem Bereich mit besonderer Vollmacht und Wirksamkeit zu agieren.
Deutung offenbarenden Geschehens – Ähnlich wie Josef und Daniel im Alten Testament Träume deuten konnten, gibt es möglicherweise heute Menschen, die eine besondere Begabung haben, prophetische Träume, Visionen oder andere offenbarende Erfahrungen zu interpretieren.
Storms betont, dass solche möglichen zusätzlichen Gaben natürlich den biblischen Maßstäben und Richtlinien unterliegen müssen. Er argumentiert auch, dass es angesichts neuer Umstände, unerwarteter Krisen und drängender Bedürfnisse im Leben der Gemeinden plausibel erscheint, dass Gott weitere Manifestationen des Geistes schenken könnte.
Für Gemeindepraxis bedeutet dies: Wir sollten offen bleiben für die Möglichkeit, dass der Heilige Geist in vielfältigerer Weise wirken könnte, als wir es manchmal in unseren theologischen Kategorien zulassen.
Jeder Christ hat mindestens eine Gabe
Eine der klarsten und ermutigendsten Erkenntnisse dieses Kapitels ist: Jeder wiedergeborene Christ hat mindestens eine geistliche Gabe empfangen! Dies wird durch mehrere Schriftstellen bestätigt:
In 1. Korinther 12,7 heißt es: "Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen aller gegeben."
In Versen 8-11 betont Paulus die Verteilung verschiedener Gaben an verschiedene Gläubige und schließt mit der Aussage, dass der Heilige Geist "einem jeden das Seine zuteilt, wie er will."
In 1. Petrus 4,10 lesen wir: "Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat."
Diese Wahrheit hat revolutionäre Konsequenzen für unsere Gemeindepraxis und besonders für unsere Kleingruppen:
Es gibt keine "begnadeten Elite" – Der unbiblische Unterschied zwischen "Klerus" und "Laien" wird aufgehoben. Nicht nur Pastoren und Älteste haben geistliche Gaben!
Jeder hat eine Verantwortung zu dienen – Da jeder mindestens eine Gabe erhalten hat, ist jeder auch berufen, diese zum Wohl der Gemeinde einzusetzen.
Der Mythos der "zwei Klassen" wird zerschlagen – Es gibt nicht die, die dienen, und die, denen gedient wird. Alle sind sowohl Gebende als auch Empfangende.
Für die Praxis bedeutet dies konkret: Jedes Mitglied – egal wie schüchtern, jung, neu im Glauben oder ungeübt – hat etwas Wertvolles beizutragen. Die volle Kraft der Gemeinschaft wird nur freigesetzt, wenn jeder mit seiner Gabe dient.
Wichtige Erkenntnisse über geistliche Gaben
Sam Storms hebt einige zentrale Wahrheiten über geistliche Gaben hervor, die unser Verständnis vertiefen:
Gaben werden empfangen, nicht verdient – Sie sind keine Belohnung für Heiligkeit, sondern Ausdruck von Gottes Gnade.
Wir sind beauftragt, unsere Gaben zu nutzen – Dies ist kein optionales Extra, sondern ein Gebot: "Dient einander mit der Gabe, die ihr empfangen habt" (1. Petrus 4,10).
Gaben dienen dem Gemeinwohl – Sie sind nicht für unsere persönliche Bereicherung oder Selbstentfaltung gedacht, sondern "zum Nutzen aller" (1. Korinther 12,7).
Gaben sind eine Haushalterschaft – Sie sind uns anvertraut, nicht persönlicher Besitz. Wir verwalten sie für Gott.
Gaben manifestieren sich unterschiedlich – Selbst wenn zwei Menschen die gleiche Gabe haben, wird sie sich nicht identisch äußern. Gottes Gnade ist "mannigfaltig" (1. Petrus 4,10).
Sprechende und dienende Gaben haben gleichen Wert – Öffentlich sichtbare Gaben sind nicht wertvoller als die, die im Hintergrund wirken.
Alle Gaben erfordern Gottes Kraft – Wir dienen "aus der Kraft, die Gott darreicht" (1. Petrus 4,11), nicht aus eigener Stärke.
Das Ziel aller Gaben ist Gottes Ehre – "Damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus" (1. Petrus 4,11).
Diese Grundsätze bewahren uns vor Stolz, Neid und Rivalität im Umgang mit geistlichen Gaben und fördern eine gesunde Haltung des Dienens.
Kann ein Christ mehrere Gaben haben?
Die klare Antwort aus der Bibel lautet: Ja! Obwohl jeder Christ mindestens eine Gabe hat, kann niemand alle Gaben besitzen (1. Korinther 12,29-30). Doch es gibt starke biblische Hinweise darauf, dass ein Gläubiger durchaus mehrere Gaben empfangen kann:
Das Beispiel des Paulus – Der Apostel hatte offensichtlich mehrere Gaben: Apostelschaft, Prophetie, Evangelisation, Heilung, Wunderwirkungen, Sprachen, Lehre und mehr.
Die Aufforderung, nach Gaben zu streben – In 1. Korinther 14,1 fordert Paulus die Gläubigen auf, "eifrig nach den geistlichen Gaben zu streben". Diese Ermahnung wäre sinnlos, wenn Christen nur eine einzige Gabe bei der Bekehrung erhalten würden.
Der Fall Timotheus – In 1. Timotheus 4,14 wird eine Gabe erwähnt, die Timotheus durch Handauflegung der Ältesten empfing – zusätzlich zu allen Gaben, die er bereits hatte.
Diese Erkenntnis eröffnet eine wunderbare Perspektive: Unser Leben mit dem Heiligen Geist ist dynamisch und wachstumsorientiert! Wir können und sollen nach weiteren Gaben streben, die der Gemeinde dienen.
Praktische Anwendung für die Praxis
Wie können wir diese Einsichten in der Gemeinde umsetzen?
Bewusstsein schaffen – Beginnt Gespräche über geistliche Gaben. Viele wissen nicht einmal, dass sie eine Gabe haben oder welche es sein könnte.
Raum zum Experimentieren bieten – Schafft in euren Treffen bewusst Gelegenheiten, wo jeder seine Gabe einbringen kann. Vielleicht ein "offenes Mikrofon" für ermutigende Worte, Zeit fürs gemeinsame Gebet, Möglichkeiten zum praktischen Dienen.
Vielfalt wertschätzen – Zeigt Anerkennung für alle Arten von Gaben, nicht nur die auffälligen. Die Person, die still im Hintergrund dient, ist genauso wertvoll wie der begabte Lehrer.
Zum Streben ermutigen – Betet gemeinsam um weitere Gaben, besonders solche, die in eurer Gruppe noch fehlen.
In Liebe üben – Schafft eine Atmosphäre, in der es okay ist, Fehler zu machen und zu lernen. Geistesgaben entwickeln sich durch Übung!
Ein praktischer Impuls für Kleingruppen:
Warum nicht bewusst Raum schaffen, damit die geistlichen Gaben in der Gruppe sichtbar und wirksam werden?
Man könnte z. B. eine regelmäßige „Gabenteil-Zeit“ einführen:
Eine Person mit der Gabe der Ermutigung teilt ein aufbauendes Wort für die Gruppe.
Jemand mit der Gabe der Erkenntnis bringt Eindrücke oder biblische Impulse ein, die zur Situation sprechen.
Eine Person mit der Gabe der Barmherzigkeit achtet besonders auf praktische Nöte und macht auf konkrete Hilfsmöglichkeiten aufmerksam.
Und jemand mit der Gabe des Glaubens betet mutig für Situationen, die menschlich gesehen aussichtslos erscheinen.
So wird die Kleingruppe nicht nur zu einem Ort der Gemeinschaft, sondern zu einem Raum, in dem der Leib Christi praktisch funktioniert – jeder bringt sich mit dem ein, was Gott ihm gegeben hat.
Eine Vision für Kleingruppen voller Gaben
Stellt euch vor, wie eure Kleingruppe aussehen könnte, wenn jedes Mitglied nicht nur seine Gabe(n) kennt, sondern sie auch aktiv einsetzt. Eine solche Gruppe würde:
Tiefere und dynamischere Begegnungen mit Gott erleben
Ein höheres Maß an gegenseitiger Fürsorge und Erbauung erreichen
Effektiver in der Evangelisation und im Dienst an der Gemeinschaft sein
Ein attraktives Zeugnis von der Kraft und Vielfalt des Heiligen Geistes geben
Menschen in ihre Berufung führen und sie zur Reife bringen
Dies ist keine unrealistische Utopie, sondern die biblische Vision für jede christliche Gemeinschaft. Die Frage ist: Sind wir bereit, uns darauf einzulassen?
Fazit: Gottes kreative Vielfalt
Die Vielfalt der geistlichen Gaben spiegelt die kreative Vielfalt Gottes wider. Mit mindestens 21 verschiedenen Gaben – und möglicherweise mehr! – hat Gott alle erdenklichen Bedürfnisse seiner Gemeinde bedacht.
Die Tatsache, dass jeder Gläubige mindestens eine Gabe hat und viele mehrere haben können, zeigt Gottes Großzügigkeit. Er hat seine Gemeinde wunderbar ausgestattet, damit sie in einer kaputten Welt als sein Leib wirken kann.
Für dich persönlich bedeutet das: Du bist begabt! Der Heilige Geist hat in dir eine besondere Manifestation seiner Kraft angelegt. Und noch mehr: Du darfst nach weiteren Gaben streben, um noch effektiver dienen zu können.
Für unsere Kleingruppen bedeutet es: Wir haben alles, was wir brauchen! In jedem Raum, in dem sich Gläubige versammeln, ist durch die Gaben des Geistes genug Kraft, Weisheit, Liebe und Wahrheit vorhanden, um zu einem dynamischen Zentrum des Reiches Gottes zu werden.
Lasst uns diese Wahrheit feiern und nach ihr leben – in der Erwartung, dass der Heilige Geist unter uns wirkt, und in der Bereitschaft, die Gaben zu entdecken und einzusetzen, die er uns gegeben hat.
Reflexionsfragen für deine Kleingruppe
Welche der in diesem Artikel genannten 21 Gaben hast du in deinem Leben bereits wirksam gesehen?
Wenn du an deine eigene(n) Gabe(n) denkst – welche könnten es sein, und wie könntest du sie stärker zum Wohl der Gemeinschaft einsetzen?
Gibt es in eurer Gruppe Raum für alle, ihre Gaben zu entfalten? Wie könntet ihr diesen Raum erweitern?
Betet ihr gemeinsam um weitere Gaben? Welche Gaben würden eure Gruppe besonders bereichern?
Wenn wirklich jedes Mitglied eurer Gruppe mindestens eine Gabe hat – wie würde ein Treffen aussehen, bei dem alle ihre Gaben einbringen?
"Als gute Haushalter der mancherlei Gnade Gottes diene ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat." (1. Petrus 4,10)
Dieser Artikel ist Teil einer Blogreihe über geistliche Gaben, basierend auf dem Buch "Understanding Spiritual Gifts" von Sam Storms. Nächste Woche: "Unsere Verantwortung, nach geistlichen Gaben zu streben und für sie zu beten"
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