Gott ist größer als mein Bild von ihm

„Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Bei diesem Gebot denke ich zuerst an Statuen und Bilder aus einer anderen Zeit. Doch beim Lesen des zweiten Kapitels von Alistair Beggs Pathway to Freedom ist mir eine Frage neu wichtig geworden: Mache ich mir vielleicht auch dann ein Bild von Gott, wenn ich ihn meinen eigenen Vorstellungen anpasse?
Das kann ganz unauffällig geschehen. Ich stelle mir Gott vielleicht so vor, dass er immer bestätigt, was ich ohnehin denke. Oder so, dass er zwar tröstet, mich aber nie herausfordert. Vielleicht mache ich ihn zu einer Kraft, die mir hilft, meine Pläne umzusetzen – statt dem lebendigen Gott zu begegnen, der größer ist als meine Wünsche und Vorstellungen.
Ein solches Gottesbild muss nicht gemalt oder aus Stein gehauen sein. Es kann in meinem Kopf entstehen. Immer dann, wenn ich nur gelten lasse, was mir an Gott gefällt, mache ich ihn ein Stück weit berechenbar. Doch ein Gott, den ich mir selbst zurechtlege, kann mich nicht wirklich überraschen, verändern oder tragen. Er wäre am Ende nur ein Spiegel meiner eigenen Gedanken.
Das zweite Gebot klingt deshalb für mich nicht nur wie ein Verbot. Es schützt mich davor, Gott durch etwas zu ersetzen, das ich besser kontrollieren kann. Ich muss Gott nicht erfinden. Ich darf auf das hören, was er von sich zeigt – in seinem Wort und in Jesus. Das heißt nicht, dass Kunst und Schönheit keinen Platz hätten. Die entscheidende Frage ist, ob ich Gott nach meinem Bild forme oder bereit bin, mich von ihm korrigieren zu lassen.
Dieser Gedanke verändert auch meinen Blick auf den Gottesdienst. Anbetung ist nicht bloß eine Stunde an einem bestimmten Ort und auch nicht einfach eine Frage des Musikstils. Sie beginnt damit, wie ich mein ganzes Leben vor Gott lebe: mit meiner Zeit, meinen Beziehungen, meiner Arbeit und meinen Entscheidungen.
Dann wird der Gottesdienst am Sonntag nicht zu einer Veranstaltung, die ich wie ein Zuschauer bewerte. Er wird zur gemeinsamen Antwort auf Gott. Vielleicht ist die hilfreichere Frage also nicht: Hat mir der Stil gefallen? Sondern: Hat mein Herz sich neu auf Gott ausgerichtet?
Das zweite Gebot lädt mich ein, ehrlich zu fragen: Wo wünsche ich mir einen Gott, der einfach in mein Weltbild passt? Und wo wäre es an der Zeit, meine Vorstellungen loszulassen und neu hinzuhören?
Gott ist größer als mein Bild von ihm. Das kann zunächst unbequem sein. Aber es ist auch befreiend: Ich muss mir keinen Gott zurechtlegen, der mich durchs Leben begleitet. Ich darf dem Gott begegnen, der sich selbst zu erkennen gibt – und ihm vertrauen, auch wenn er mehr ist, als ich mir vorstellen kann.