Ist Selbsbefriedigung bei Frauen eine Sünde, auch wenn keine Pornographie oder Gedanken an eine Person dabei sind? Hat Gott uns nicht auch dieses wunderbare Gefühl geschenkt?
Ich halte diese Frage für berechtigt. Und gerade weil sie einen sehr persönlichen Bereich unseres Lebens betrifft, sollten wir weder vorschnell verurteilen noch vorschnell alles für unproblematisch erklären. Vorab, danke für das Vertrauen. Ich versuche sensibel auf diese Frage zu antworten.
Die Bibel ist erstaunlich offen, wenn sie über Sexualität spricht. Gleichzeitig spricht sie an keiner Stelle ausdrücklich über Selbstbefriedigung. Deshalb möchte ich nicht behaupten: „Die Bibel sagt eindeutig, Masturbation ist Sünde.“ Das tut sie schlicht nicht. Aber damit ist die Frage noch nicht beantwortet. Denn die Bibel gibt uns sehr wohl eine Vorstellung davon, wozu Gott Sexualität geschaffen hat.
Und genau hier finde ich die Perspektive von Timothy Keller besonders hilfreich.
Zuerst: Sexuelle Lust ist Gottes Idee
Bevor wir über Grenzen sprechen, müssen wir über etwas anderes sprechen: Güte.
Gott hat unseren Körper geschaffen. Er hat uns mit der Fähigkeit geschaffen, Berührung, Erregung und sexuelle Lust zu empfinden. Nach der Erschaffung des Menschen heißt es:
„Und siehe, es war sehr gut.“
- Mose 1,31
Das gilt auch für unsere Sexualität.
Das Hohelied spricht mit einer erstaunlichen Freiheit über körperliche Anziehung, Begehren und sexuelle Liebe. Sprüche 5 fordert einen Ehemann sogar dazu auf, sich an der Liebe seiner Frau zu erfreuen und sich an ihrer Liebe zu „berauschen“.
Sexuelle Lust ist also nicht schmutzig. Gerade Frauen wurde in christlichen Zusammenhängen teilweise ein anderes Gefühl vermittelt: Männliches sexuelles Verlangen wurde als selbstverständlich betrachtet, während weibliche Lust schnell mit Scham verbunden wurde.
Dafür sehe ich keine biblische Grundlage.
Eine Frau muss sich nicht dafür schämen, dass ihr Körper sexuelle Lust empfinden kann. Das Problem ist nicht, dass unser Körper Lust empfinden kann. Die entscheidende Frage ist, welchen Platz Gott dieser Lust gegeben hat.
Was die Bibel nicht sagt
Auch das gehört zur Ehrlichkeit: Die Bibel verbietet Selbstbefriedigung nicht ausdrücklich.
Manchmal wird in diesem Zusammenhang die Geschichte Onans aus 1. Mose 38 genannt. Doch dort geht es nicht um Masturbation. Onan verweigert Tamar den Nachkommen, zu dem er im Rahmen der damaligen Schwagerehe verpflichtet war. Er vollzieht Geschlechtsverkehr, verhindert aber bewusst eine Schwangerschaft, um seiner Verpflichtung gegenüber seinem verstorbenen Bruder nicht nachkommen zu müssen.
Aus dieser Geschichte ein allgemeines Masturbationsverbot abzuleiten, halte ich exegetisch nicht für überzeugend.
Wir sollten deshalb vorsichtig sein, Menschen ein ausdrückliches göttliches Verbot aufzuerlegen, wo die Bibel selbst keines formuliert.
Aber Schweigen bedeutet nicht automatisch Zustimmung.
Die wichtigere Frage lautet deshalb:
Was erzählt uns die gesamte biblische Sexualethik über Gottes Absicht mit unserer Sexualität?
Timothy Keller: Sexualität ist Selbsthingabe
Hier überzeugt mich Timothy Kellers Ansatz.
Keller beschreibt Sexualität nicht primär unter der Fragestellung: „Was darf ich und was darf ich nicht?“ Für ihn muss man zuerst verstehen, was Sex eigentlich bedeutet.
Sexualität ist nach Keller ihrem Wesen nach nicht auf Selbstbefriedigung, sondern auf Selbsthingabe ausgerichtet.
Im sexuellen Einswerden zweier Menschen sagt der Körper gewissermaßen:
Ich gebe mich dir. Ich gehöre dir. Ich empfange dich.
Deshalb gehört Sexualität für Keller in den Ehebund. Der Körper drückt dort körperlich aus, was zwei Menschen mit ihrem ganzen Leben versprochen haben: vollständige, ausschließliche und dauerhafte Hingabe.
Sexualität sucht ihrem Wesen nach ein Gegenüber und die Ergänzung durch einen anderen Menschen.
Das ist für mich der entscheidende Punkt in der Frage nach Selbstbefriedigung.
Das Problem ist nicht das gute Gefühl
Ich würde deshalb nicht argumentieren:
„Der Orgasmus ist sündig.“
Das wäre aus meiner Sicht eine völlig falsche Richtung.
Das Empfinden selbst ist etwas Gutes. Gott hat unseren Körper so geschaffen.
Ich würde aber genauso wenig argumentieren:
„Weil Gott dieses Gefühl geschaffen hat, ist jede Möglichkeit, dieses Gefühl hervorzurufen, automatisch gut.“
Auch Hunger ist von Gott geschaffen. Genuss ist von Gott geschaffen. Unser Bedürfnis nach Anerkennung, Nähe und Gemeinschaft gehört zu unserem Menschsein. Trotzdem können gute Bedürfnisse auf eine Weise befriedigt werden, die nicht Gottes bester Absicht entspricht.
Deshalb lautet für mich die Frage nicht:
Darf ich dieses schöne Gefühl haben?
Sondern:
Wofür hat Gott dieses schöne Gefühl geschaffen?
Und hier finde ich Kellers Antwort überzeugend: Sexualität ist in ihrer tiefsten Bedeutung nicht Selbstversorgung, sondern Selbsthingabe.
Was ist aber, wenn überhaupt keine Fantasie beteiligt ist?
Hier wird die Frage besonders interessant.
John Piper argumentiert gegen Masturbation unter anderem damit, dass sie seiner Ansicht nach praktisch kaum von sexuellen Fantasien zu trennen ist. Sexuelle Bilder oder Vorstellungen würden einen anderen Menschen zum Gegenstand der eigenen sexuellen Befriedigung machen.
Dieses Argument kann durchaus Gewicht haben.
Aber was geschieht, wenn eine Frau sagt:
„Ich schaue keine Pornografie. Ich denke dabei nicht an einen anderen Mann. Ich fantasiere überhaupt keine sexuelle Situation. Es ist für mich ausschließlich ein körperliches Empfinden.“
Dann greift dieses Argument nicht ohne Weiteres.
Auch Jesu Worte über begehrliches Anschauen in Matthäus 5,28 können wir nicht einfach auf eine Situation übertragen, in der tatsächlich kein anderer Mensch Gegenstand sexueller Begierde ist.
Deshalb halte ich es für falsch, einer solchen Frau Dinge zu unterstellen, die überhaupt nicht vorhanden sind.
Trotzdem bleibt für mich Kellers tiefere Frage bestehen.
Denn auch ohne Pornografie und ohne Fantasie wird Sexualität in diesem Moment auf mich selbst zurückgeführt. Das, was seinem Wesen nach Beziehung, Empfangen und Hingabe ausdrückt, wird zu einem in sich geschlossenen körperlichen Vorgang.
Und genau darin liegt für mich das stärkere christliche Argument gegen Selbstbefriedigung.
Nicht:
„Sexuelle Lust ist schmutzig.“
Sondern:
„Sexuelle Lust ist für etwas Größeres geschaffen.“
Deshalb würde ich Selbstbefriedigung kritisch sehen
Ich teile an dieser Stelle Kellers grundlegende Perspektive.
Sexualität erreicht ihre von Gott gedachte Gestalt dort, wo sie nicht um das eigene Erleben kreist, sondern Bestandteil gegenseitiger Hingabe wird.
Das bedeutet für mich: Auch wenn keine Pornografie und keine Fantasie beteiligt sind, würde ich Selbstbefriedigung nicht einfach als neutrale Form des Genusses betrachten.
Sie löst sexuelle Befriedigung von ihrem eigentlichen relationalen Zusammenhang.
Das heißt allerdings nicht, dass wir jetzt eine Rangliste sexueller Sünden erstellen oder Menschen mit Schuldgefühlen überhäufen sollten.
Es bedeutet zunächst nur:
Etwas kann sich gut anfühlen und trotzdem hinter Gottes guter Absicht zurückbleiben.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Vier Fragen, die uns zusätzlich helfen
Neben der grundsätzlichen Frage nach Gottes Absicht gibt es einige sehr praktische Prüfsteine.
1. Beherrscht es mich?
Paulus schreibt:
„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles nützt. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen.“
- Korinther 6,12
Sexualität kann zu einem Mittel werden, mit dem wir Stress, Einsamkeit, Frustration oder innere Leere regulieren. Dann suchen wir möglicherweise gar nicht primär sexuelle Lust, sondern Trost.
Die Frage lautet deshalb: Habe ich dieses Verhalten in der Hand – oder hat es mich?
2. Was geschieht in meinen Gedanken?
Pornografie und sexuelle Fantasien über andere Menschen verändern die Frage noch einmal erheblich.
Jesus nimmt unsere Gedankenwelt ernst. Menschen sind keine Objekte, die wir in unserer Fantasie zur eigenen Befriedigung benutzen sollen.
Deshalb lohnt sich Ehrlichkeit darüber, was tatsächlich in unserem Kopf geschieht.
3. Was macht es mit meiner Beziehung?
Für Verheiratete halte ich diese Frage für besonders wichtig.
Wird Selbstbefriedigung zunehmend zur Alternative zur sexuellen Begegnung mit meinem Ehepartner? Ziehe ich mich zurück? Ist es einfacher geworden, mich selbst zu befriedigen, als mich meinem Partner zu zeigen, Bedürfnisse auszusprechen, zu empfangen und mich hinzugeben?
Dann berühren wir unmittelbar das Problem, das Keller beschreibt.
4. Kann ich Gott darin begegnen?
Römer 14 macht deutlich, dass wir unser Gewissen nicht einfach übergehen dürfen.
Gleichzeitig ist anerzogene Scham nicht automatisch die Stimme Gottes. Gerade im Bereich der Sexualität müssen manche Christen erst lernen, zwischen Scham und echter Überführung zu unterscheiden.
Bitte keine Schamkultur
Mir ist dieser Punkt besonders wichtig.
Wer nach diesem Artikel zu dem Schluss kommt: „Ich glaube, Selbstbefriedigung entspricht nicht Gottes bester Absicht für meine Sexualität“, sollte daraus nicht schließen:
„Dann ist mit mir etwas nicht in Ordnung, weil ich dieses Verlangen habe.“
Nein.
Dein sexuelles Empfinden ist nicht das Problem.
Dein Körper ist nicht dein Feind.
Und insbesondere Frauen sollten nicht den Eindruck bekommen, geistliche Reife bedeute, möglichst wenig sexuelles Verlangen zu besitzen.
Christliche Heiligung bedeutet nicht, weniger menschlich zu werden. Sie bedeutet, dass auch unsere guten menschlichen Bedürfnisse zunehmend ihren von Gott gedachten Platz finden.
Und Veränderung geschieht nicht durch Selbstverachtung. Übermäßige Schuld und Scham können problematische sexuelle Verhaltensmuster sogar verstärken, statt sie zu lösen.
Ist Selbstbefriedigung also Sünde?
Ich würde darauf heute folgendermaßen antworten:
Die Bibel bezeichnet Selbstbefriedigung an keiner Stelle ausdrücklich als Sünde. Deshalb möchte ich auch nicht behaupten, einen Bibelvers zu besitzen, der diese Frage direkt beantwortet.
Gleichzeitig überzeugt mich die größere biblische Sexualethik, wie Timothy Keller sie beschreibt: Sexualität ist von Gott auf ein Gegenüber, auf Bund und auf gegenseitige Selbsthingabe hin geschaffen.
Deshalb sehe ich Selbstbefriedigung auch ohne Pornografie und ohne sexuelle Fantasie kritisch. Nicht weil sexuelle Lust schlecht wäre, sondern gerade weil sie so gut und bedeutungsvoll ist.
Sie erzählt von Beziehung.
Sie erzählt vom Empfangen.
Sie erzählt von Hingabe.
Sie erzählt davon, dass ich mich nicht selbst genügen muss, sondern mich einem anderen Menschen schenken und von ihm beschenken lassen darf.
Darum würde ich Selbstbefriedigung nicht zum normalen Ziel christlicher Sexualität erklären. Sie bleibt hinter dieser größeren Bedeutung zurück.
Gleichzeitig möchte ich dort, wo die Bibel nicht ausdrücklich spricht, niemanden vorschnell verurteilen. Christen werden in der Bewertung einzelner Situationen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
Vielleicht ist deshalb die bessere abschließende Frage nicht nur:
„Darf ich das?“
Sondern:
„Hilft mir das, meine Sexualität immer mehr so zu verstehen und zu leben, wie Gott sie gedacht hat?“
Das ist eine anspruchsvollere Frage.
Aber ich glaube, es ist auch die schönere.
Denn Gottes Ziel ist nicht, uns ein wunderbares Gefühl wegzunehmen.
Er möchte uns zeigen, wofür er es geschaffen hat.